Viele Besitzer sagen bei einer Beratung das Gleiche: „Es lief eigentlich ganz gut, und plötzlich ist er ausgerastet.“ Oder: „Wir waren schon so weit, und jetzt scheint es, als wären wir wieder am Anfang.“
Aber Verhalten entsteht selten plötzlich. Um zu verstehen, warum ein Hund ausrastet, überreizt ist oder plötzlich viel heftiger reagiert als normal, hilft es, den Kopf deines Hundes als eine Art Eimer zu betrachten: einen Stresseimer. Jeder Reiz, den dein Hund im Laufe des Tages erlebt, füllt diesen Eimer ein wenig.
Das können große Dinge sein, wie eine aufregende Begegnung mit einem anderen Hund, aber auch kleine Dinge, wie Besuch, ein anstrengender Spaziergang, ein bellender Hund hinter einem Zaun oder einfach zu wenig Schlaf. Und gut zu wissen: Reize und Stress sind nicht per se schlecht. Ein Hund muss gerade lernen, mit der Welt umzugehen. So wie wir Menschen Spannung und Herausforderungen brauchen, um zu wachsen. Es gibt jedoch einen Unterschied darin, wie viel ein Hund verkraften kann und wie schnell er sich wieder erholen kann. Genau da liegt der Kern.
Der eine Hund verarbeitet Stress leicht und scheint sich überall geschmeidig zu bewegen, während der andere Hund viel empfindlicher auf Reize reagiert und schneller „vollläuft“. Charakter, Genetik, frühere Erfahrungen und Stressanfälligkeit spielen dabei alle eine Rolle. Was dafür sorgt, dass ein Hund diesen Reizen standhält, ist unter anderem Erholung. Also: Ruhe, Schlaf, Entladung und Entspannung. Denn gerade in tiefer Ruhe verarbeitet der Körper Stress und das Gehirn bekommt die Möglichkeit, alle Informationen des Tages zu ordnen. Diese Erholung ist essenziell für die Lernfähigkeit. Ein Hund, der sich unzureichend erholt, bleibt gewissermaßen „angeschaltet“ und ein Hund, der voll ist, kann einfach nicht mehr gut nachdenken, lernen oder umschalten.
Das sieht man vor allem bei reaktiven Hunden. Das Ausrasten an der Leine ist ein Verhalten, bei dem ein Hund extrem auf einen Reiz reagiert, meist einen anderen Hund, während er angeleint ist. Das kann sich auf verschiedene Weisen äußern. Manche Hunde bellen laut und ziehen nach vorne, andere Hunde fixieren völlig, erstarren oder scheinen um jeden Preis zum anderen Hund hinlaufen zu wollen.
Viele Leute denken beim Ausrasten sofort an Aggression, aber so schwarz-weiß ist es oft gar nicht. Bei dem einen Hund entsteht das Verhalten aus Anspannung oder Unsicherheit, während es bei einem anderen Hund aus Frustration oder enormer Aufregung entsteht. Manche Hunde wollen Abstand schaffen, andere Hunde wollen näher herankommen, um Informationen zu sammeln oder Kontrolle über die Situation zu erlangen. Was all diese Hunde gemeinsam haben, ist, dass ihr System in diesem Moment von Anspannung und Reizen überflutet wird, wodurch der Körper auf Reaktion statt auf Nachdenken umschaltet.
Viele Besitzer glauben, dass ihr Hund bei einem Spaziergang „plötzlich“ ausrastet, obwohl sich oft schon viel länger Anspannung aufgebaut hat. Vielleicht gab es an diesem Tag schon Dutzende Reize. Vielleicht gab es in der letzten Woche viele schwierige Spaziergänge. Vielleicht schläft der Hund schon länger unruhig oder kommt kaum wirklich zur Ruhe. Dann muss am Ende nur noch wenig passieren, bis der Eimer überläuft.
Genau deshalb läuft ein Hund manchmal am einen Tag entspannt an einem anderen Hund vorbei, während er einen Tag später in exakt derselben Situation völlig explodiert. Nicht weil er stur ist oder „es plötzlich vergessen hat“, sondern weil sein System voller ist und er einfach weniger Raum hat, um noch gut verarbeiten zu können.
Dabei entsteht oft ein Teufelskreis. Jedes Mal, wenn ein Hund ausrastet, produziert der Körper Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol. Kurzzeitig ist das überhaupt nicht schlimm, denn der Körper soll Anspannung verarbeiten können. Aber wenn das zu oft, zu lange oder zu heftig geschieht, wird die Erholung immer schwieriger.
Die Folge ist, dass Ihr Hund im Allgemeinen weniger Reize verträgt, schneller gereizt ist, heftiger reagiert und immer weniger braucht, um seine Grenze zu überschreiten. Und genau deshalb wirkt „mehr Training“ bei überreizten Hunden oft kontraproduktiv. Viele Hunde brauchen nicht noch mehr Übungen, sondern zuerst mehr Erholung. Das bedeutet nicht, dass Sie Ihren Hund komplett schonen oder nie wieder etwas tun sollten.
Es bedeutet jedoch, dass man kritisch die Balance zwischen Belastung und Erholung betrachten muss. Denn wenn man jeden Spaziergang mit einem Hund beginnt, der eigentlich noch nicht ausreichend aufgeladen ist, liegt man bereits 10:0 im Rückstand. Manchmal muss man also zuerst den Kreislauf durchbrechen. Weniger schwierige Situationen aufsuchen. Mehr Schlaf ermöglichen. Mehr Vorhersehbarkeit schaffen. Dafür sorgen, dass sich das Nervensystem wieder beruhigen kann. Erst dann entsteht Raum für echtes Lernen. Denn letztendlich lösen wir Verhaltensprobleme nicht, indem wir nur das Verhalten betrachten, sondern indem wir verstehen, was im Inneren passiert. Und da beginnt die wahre Veränderung.
Dieser Artikel wurde von Rianne Jansen, Hundeverhaltenstherapeutin und Expertin für Überreizung und reaktives Verhalten bei Hunden, verfasst.






Aktie:
1 Kommentar
Goedemiddag Rianne,
Dank voor deze duidelijke uitleg. Ik kan nu beter begrijpen waarom sommige honden soms uitvallen of blaffen. Ook mijn honden doen dat.
Groet Renny